Treasury zwischen EM-Euphorie und Wahlen-Unsicherheit

Treasury-Abteilungen haben nach wie vor mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Der VDT hat mit verschiedenen Banken gesprochen, womit im zweiten Halbjahr an den Finanzierungsmärkten und im finanziellen Risikomanagement zu rechnen ist.

 

Die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland hat hierzulande für Euphorie gesorgt. Viele fieberten mit – im Stadion, beim Public Viewing oder vor dem heimischen Fernseher. Bei Treasurern ist diese euphorische Stimmung allerdings angesichts der zahlreichen Herausforderungen gedämpft. Zu viele Unwägbarkeiten liegen auf dem Tisch. Das ist Grund genug für den VDT sich einige „Baustellen“ für deutsche Treasury-Abteilungen anzuschauen. Hierfür hat der Verband bei neun Banken nach der aktuellen Marktsicht gefragt und von einigen eine Einschätzung erhalten.

 

Unternehmen fragen wieder mehr Kredite nach

Der erste Blick geht an die Finanzierungsmärkte. Laut den Juli-Ergebnissen der Umfrage zum Kreditgeschäft (Bank Lending Survey) in Deutschland der Deutschen Bundebank sehen die deutschen Banken eine im Vergleich zum Vorquartal etwas verbesserte Refinanzierungssituation. Insbesondere die Finanzierung über mittel- bis langfristige Schuldverschreibungen verbesserte sich demnach.

Firmenkunden in Deutschland fragen zudem wieder mehr Kredite nach. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren stieg laut der Bank Lending Survey die Nachfrage nach Bankkrediten in Deutschland im Firmenkundengeschäft wieder an, obwohl die Banken im Vorquartal „noch von einem unveränderten Mittelbedarf für das zweite Quartal ausgegangen“ waren, wie es seitens der Deutschen Bundesbank heißt. Den Anstieg der Nachfrage begründeten die Banken der Umfrage zufolge vor allem mit einem gestiegenen Finanzierungsbedarf von Seiten großer Unternehmen für Anlageinvestitionen sowie für Lagerhaltung und Betriebsmittel.

Aber es ist „noch kein Zeichen einer deutlichen Beschleunigung der Kreditnachfrage erkennbar“, erklärt eine Bank gegenüber dem VDT, die nicht namentlich genannt werden möchte. Es gebe eine verstärkte Nachfrage nach Infrastrukturfinanzierungen und vereinzelte Investitions- und Akquisitionstätigkeiten. Zudem seien Voranfragen für Exportfinanzierungen und eine entsprechende Absicherung niedriger als im vergangenen Jahr, was darauf hindeute, dass das Exportvolumen sinke.

 

Kreditangebot nicht ausreichend, um Nachfrage zu decken

Ähnliches ist auch von der ING zu hören: „Die Kreditmärkte haben sich im ersten Halbjahr 2024 insgesamt stabil präsentiert. Wesentliche Risikokennziffern wie der iTraxx Xover liegen unterhalb von 300 Basispunkten nach Höchstständen von über 450 Basispunkten im Herbst 2023 und der Volatilitätsindex VIX stabilisiert sich auf niedrigem Niveau“, teilte die deutsche Tochter der niederländischen Bank gegenüber dem VDT mit. Der Bankenkreditmarkt sei gleichfalls freundlich, getrieben durch einen insgesamt weiteren Rückgang der Risikovorsorge und einem stabilen Kreditnehmerumfeld. Gleichzeitig führe das Ausbleiben lukrativer Finanzierungen im Zusammenhang mit M&A-Aktivität zu einem weiterhin hohen Wettbewerbsdruck. „Das Angebot ist noch lange nicht ausreichend, um die Nachfrage der Kreditnehmer zu decken“, ist von der ING zu hören.

 

Kreditmarkt bleibt kreditnehmerfreundlich

Das zweite Halbjahr ist aus Kreditnehmersicht weiterhin positiv zu bewerten, ist aus den Bankentürmen zu hören. So geht die ING für die zweite Jahreshälfte von einem weiterhin für die Kreditnehmerseite positiven Umfeld in den Kreditmärkten aus, „sowohl für laufende Refinanzierungsaktivitäten als auch im Zusammenhang mit Übernahmen und sonstigen Investitionsaktivitäten“.

Auch der Markt für Unternehmensanleihen sollte grundsätzlich in der zweiten Jahreshälfte positiv bleiben, glaubt die orange Bank. Allerdings erwartet sie aktuell, dass die Emissionsaktivität „abnehmen wird, da ein Großteil der Refinanzierungen für 2024 bereits erfolgt ist“.

 

Risikoumfeld bleibt für das Treasury groß

Trotz dieser guten Nachrichten von den Finanzierungsmärkten sind die Risiken für deutsche Unternehmen nach wie vor zahlreich. Auch wenn die Inflation langsam – zwar mit geringerer Geschwindigkeit, als noch zu Jahresbeginn erwartet – sinkt und sich die Zinslandschaft beruhigt, bleibt das gesamte Risikoumfeld groß. Es gibt derzeit strukturelle Veränderungen in der Welt. Damit geht mehr Ungewissheit mit einem größerem Risikopotential für Unternehmen einher. Die geopolitischen Spannungen, Handelskonflikte und Kriege bergen Herausforderungen, die nicht zu unterschätzen sind. Auch die Folgen der Wahlen in Europa und den USA werfen ihren Schatten voraus.

„Die Wahlen in Frankreich bringen weiterhin politische Instabilität, die in den kommenden Wochen immer wieder zu Unruhe bei französischen Staatsanleihen führen können und den „Sicheren Hafen“-Charakter deutscher Staatsanleihen verstärken sollten“, glaubt die ING und betont: „Das latente Risiko einer neuen Schuldenkrise in der Eurozone bleibt.“

Auch die BayernLB sieht eine Drohkulisse für Treasurer aufziehen. „Das Risiko und damit die Volatilität an den Märkten ist nach den Neuwahlen [in Frankreich] höher als zuvor und das hat auch für deutsche Unternehmen Konsequenzen. Zwar bedeuten hohe Risiko-Spreads für deutsche Unternehmen zunächst keine höheren Finanzierungskosten […], allerdings könnten sich ändernde verschlechternde politische Bedingungen in Europa durchaus Nachteile für deutsche Unternehmen mit sich bringen.“ So könnte eine neue französische Regierung Auswirkungen auf die europäische Wirtschaftspolitik und Regulierung haben. Zusätzlich könnten Änderungen in den Handelsbeziehungen oder in der Regulierung das operative Umfeld für deutsche Unternehmen beeinflussen. „Treasury-Abteilungen sollten daher flexibel bleiben und ihre Strategien entsprechend anpassen“, rät die Landesbank.

 

USA: Kommt ein stärkerer Protektionismus?

Die im November dieses Jahr anstehenden Wahlen in den USA haben durch das Attentat auf Donald Trump noch an Brisanz gewonnen. „Die US-Wahlen und ein stärkerer Protektionismus könnten das Wachstum in der Eurozone im nächsten Jahr behindern“, glaubt die ING. „Anstelle eines leichten Aufschwungs würde es für die Wirtschaft dann wieder bergab gehen. So ein Szenario könnte die EZB allerdings zu weit mehr Zinssenkungen im nächsten Jahr motivieren als aktuell von den Märkten eingepreist werden.“

Noch deutlichere Worte findet die BayernLB: „Während das Haushaltsdefizit unabhängig davon, wer ins Weiße Haus einzieht, hoch bleiben dürfte, könnte eine Reihe anderer politischer Maßnahmen, zum Beispiel in den Bereichen Handel und Einwanderung, je nach Wahlausgang ganz anders aussehen und Aufwärtsrisiken für die Inflationsaussichten mit sich bringen, worauf die Zentralbanken mit vergleichsweise höheren Zinsen reagieren könnten.“ Ein daraus resultierender Angebotsschock dürfte sowohl Unternehmen in den USA als auch in Europa betreffen. Deutsche Unternehmen dürften aber aufgrund ihrer starken Exportorientierung besonders stark betroffen sein, glaubt die Landesbank.

Trotz der Euphorie im Zusammenhang mit der EM in Deutschland bleibt die Unsicherheit für das unternehmerische Umfeld groß. Insbesondere die Risiken im Zusammenhang mit den gerade stattgefundenen Wahlen in Europa und den kommenden US-Wahlen sollten Treasurer nicht unterschätzen und auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein. Vorausschauend möglichst vielseitige Szenarien in die Entscheidungen (und das Timing) zur Unternehmensfinanzierung und dem Finanzrisikomanagement zu berücksichtigen, scheint für Treasurer in diesem Jahr weiter maßgeblich zu bleiben.